Das bestätigt auch die aktuelle Studie „Meine, deine, unsere?“ von More in Common im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Eine klare Mehrheit lehnt staatliche Eingriffe in das Ernährungsverhalten ab. Mehr als die Hälfte (56 %) der Befragten ist der Meinung, die Politik solle sich bei Ernährungsfragen heraushalten. Gleichzeitig sehen viele die Ernährung anderer mit kritischem Blick – ein Widerspruch, der Sprengkraft hat.
Jeder is(s)t für sich – aber urteilt über andere
Im Alltag zeigt sich dieser Zwiespalt deutlich. Wer beim Bäcker zur Butterbrezel greift, bekommt keinen Kommentar. Wer dagegen vegane Leberwurst isst oder sich beim Grillabend gegen das Fleisch entscheidet, muss häufig mit Spott oder Fragen rechnen.
Dabei geben laut Studie drei Viertel der Menschen an, dass sie sich im persönlichen Umfeld vor allem über ihre persönlichen Vorlieben und Geschmäcker austauschen – darüber, wie wir uns als Gesellschaft ernähren sollen, meistens nicht.
Und dennoch: Die Studie zeigt auch, dass viele Menschen andere Essstile ablehnen – besonders, wenn sie vom eigenen abweichen. Veganer stoßen bei vielen Fleischessern auf Unverständnis, umgekehrt wird der tägliche Fleischkonsum in Milieus mit pflanzenbasierten Ernährungsformen oft kritisch gesehen.
Vor allem der Fast-Food-Konsum wird von einer breiten Mehrheit negativ beurteilt – auch unter jenen, die selbst regelmäßig dazu greifen.
Diese Ambivalenz zeigt: Ernährung ist emotional aufgeladen und moralisch bewertet. Das eigene Verhalten wird häufig verklärt – während man bei anderen genau hinschaut.
Vertrauen sinkt, Polarisierung steigt
Die gesellschaftliche Debatte rund ums Essen empfinden viele als belastend. 70 % der Befragten nehmen sie laut Studie als polarisierend wahr. Besonders kritisch ist dabei das Verhältnis zur Politik:
Nur 8 % der Menschen sehen in der Politik eine vertrauenswürdige Informationsquelle zum Thema Ernährung. Stattdessen genießen soziale Medien und TV-Formate im Infotainment-Stil überraschend viel Vertrauen – vor allem, wenn sie sich kritisch gegenüber der Lebensmittelindustrie positionieren.
Diese Formate inszenieren sich oft als Anwälte der Verbraucher, arbeiten mit Emotionalisierung und Dramatisierung.
Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Prof. Dr. Dr. Dr. Andreas Hensel, warnt in diesem Zusammenhang vor irreführenden Botschaften:
„Aussagen wie ‘100 Prozent mehr krebserregender Stoff gefunden’ klingen dramatisch, beziehen sich aber oft auf mengenmäßig völlig irrelevante Größen. Trotzdem bleibt hängen: Unser Essen könnte gefährlich sein. Das Vertrauen sinkt, Unsicherheit wächst – obwohl die wissenschaftliche Datenlage zeigt, dass unser Essen in Deutschland sehr sicher ist.“
Zwischen Anspruch und Realität
Die Mehrheit der Bevölkerung hält ihre eigene Ernährung für weitgehend in Ordnung – obwohl fast die Hälfte antwortet, dass es Verbesserungspotenzial gäbe.
Viele möchten nachhaltiger konsumieren, tun es aber nur, wenn es in den Alltag passt: Bio-Produkte werden gern gekauft, wenn der Preis stimmt. Regionalität wird geschätzt, solange der Aufwand überschaubar bleibt. Der Vorsatz, gesünder zu essen, scheitert oft an Zeitmangel, Stress oder schlicht der Lust auf etwas „Schnelles“.
Beispiele aus dem Alltag bestätigen das: Morgens ein Müsliriegel auf dem Weg zur Arbeit, mittags ein Wrap vom Supermarkt, abends Nudeln mit Pesto – da bleibt wenig Spielraum für Ernährungsideale.
Ernährung ist eben auch pragmatisch und hängt von persönlichen Vorlieben ab. Und genau deshalb braucht sie Verständnis statt Belehrung.
Fazit: Privatsache mit öffentlicher Wirkung
Die Studie zeigt deutlich: Ernährung ist für die meisten Menschen Ausdruck ihrer Persönlichkeit und ihres Lebensstils – und soll es auch bleiben. Politische Maßnahmen, die diesen Bereich zu stark regulieren oder moralisieren, stoßen schnell auf Ablehnung.
Dennoch bleibt die gesellschaftliche Relevanz von Ernährung hoch: Gesundheit, Umwelt, soziale Gerechtigkeit – all das hängt mit unserem Essverhalten zusammen.
Es braucht also eine neue Form des Dialogs: respektvoll, verständnisvoll und alltagstauglich. Ohne ideologischen Druck, aber mit dem Blick dafür, was möglich und machbar ist.
Ernährung ist Privatsache – und gerade deshalb ein öffentliches Thema, das mit Fingerspitzengefühl behandelt werden sollte.